Ein Gemeinschaftsprojekt von aktion tier und dem Verein "Igelschutzinitiative e.V."

aktion tier informiert: Aufklärungskampagne zum IgelUnsere Igel - Outdoorprofis in Gefahr

Der Igel steht in einigen Bundesländern auf der roten Liste. Doch nicht jeder Igel benötigt menschliche Hilfe! Foto: aktion tier/Bauer
Geüsch als Igelschlafplatz
Hecken und Gebüsch werden von Igeln gerne zum Schlafen aufgesucht. Foto: Ursula Bauer
Ohrwurm
Igel sind Fleischfresser und bevorzugen daher Kleinlebewesen wie z.B. Ohrwürmer. Foto: Ursula Bauer
Offenes Feuer
Offenes Feuer wie z.B. Osterfeuer oder verbrennende Gartenabfälle stellen eine Gefahr für Igel dar. Foto: Ursula Bauer
Igel auf einer Treppe
Igel können zwar recht gut klettern, aber zu hohe Treppenstufen können für sie zum unüberwindbaren Hindernis werden. Foto: Ursula Bauer
Verletzung durch einen Rasenmäher
Durch einen Rasenmäher verletzter Igel. Foto: Ursula Bauer /Bauer
Müll ist eine Gefahrenquelle für Wildtiere
Abfall in der Landschaft bildet häufig eine große Gefahrenquelle für Igel. Foto: Ursula Bauer
Igelfreundlicher Garten
Ein igelfreundlicher Garten ist strukturreich und naturnah gestaltet. Foto: Ursula Bauer
Vielfältiger Garten
Vielfältige Gärten beherbergen schnell zahlreiche Futtertiere des Igels und bieten ihm gute Versteckmöglichkeiten. Foto: Ursula Bauer
Jungtiere, die Anfang November noch deutlich unter 500g wiegen, sind hilfebedürftig. Foto: © IGSI e.V. Foto: IGSI e.V.
verletzter Igel
Igel mit offenen sichtbaren Verletzungen sind hilfebedürftig. Foto: IGSI e.V.
Igelsäuglinge, deren Mutter mit Sicherheit nicht mehr zurückkommt, sind hilfebedürftig! Foto: Ursula Bauer
Igel beim Fressen.
Untergewichtige Igel kann man vor Einbruch des Winters helfen, indem man sie im Garten füttert. Foto: aktion tier, Ursula Bauer
Igel ohne Stacheln
Diesem kleinen Kerl sind die Stacheln ausgefallen - im aktion tier Igelzentrum Niedersachsen bekam er Hilfe... Foto: IGSI e.V.
...und dank der guten Pflege war das Stachelkleid schon bald wieder da. Foto: IGSI e.V.
 
 

September 2015. Das Verbreitungsgebiet des in Deutschland vorkommenden Europäischen Igels (Erinaceus europaeus), der auch Braunbrust- oder Westigel genannt wird, erstreckt sich fast über den gesamten europäischen Kontinent. Die zweite früher in unseren Breiten ebenfalls lebende Igelart, der Weißbrust oder Ostigel, gilt hierzulande inzwischen als ausgestorben. Vor allem der Verlust von Lebensräumen, der Rückgang von Nahrungstieren und die Bedrohung durch den Straßenverkehr führen dazu, dass auch unsere Braunbrustigel langsam aber kontinuierlich immer weniger werden und in einigen Bundesländern bereits auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten stehen. Mit dieser Broschüre möchten wir nicht nur über Igel informieren, sondern auch Hinweise geben, wie jedermann einen kleinen Beitrag zum Erhalt dieses nützlichen Wildtieres leisten kann.

Uriges Stacheltier

Der Igel gehört zu einer sehr alten Säugetierart, deren Vorfahren bereits vor über 60 Millionen Jahren lebten. Mit seinen etwa 8.000 Stacheln ist er auch heute noch etwas ganz Besonderes, denn kein anderes heimisches Tier besitzt etwas Vergleichbares. Die Stacheln sind umgewandelte Haare. Sie dienen dem Schutz und ragen beim Einrollen spitz nach außen. Igel sind nachtaktive Einzelgänger. Tagsüber verkriechen sie sich zum Schlafen gerne in Ast- oder Laubhaufen, im Kompost, in Hecken oder unter Sträuchern. Sobald es dämmert, gehen sie auf Nahrungssuche. Als reine Fleischfresser bevorzugen sie kleine Tiere wie Regenwürmer, Schnecken, Insekten und Spinnen. Sehr selten naschen Igel an einem herabgefallenen Apfel oder einer aufgeplatzten Walnuss. In der Regel fressen sie jedoch weder Obst noch Gemüse.

Erwachsene Igel können etwa 30 cm groß und bis zu 1,5 kg schwer werden. In freier Wildbahn erreichen sie aufgrund der aktuellen Gefährdungssituation ein Alter von nur zwei bis vier Jahren, obwohl sie theoretisch bis zu sieben Jahre alt werden können. Igel treffen sich nur während der Paarungszeit zwischen Mai und August und gehen dann wieder getrennte Wege. Etwa 35 Tagen später bringt die Igelin durchschnittlich vier Junge zur Welt, die sie etwa 42 Tage lang säugt. Danach unternehmen die Jungigel erste Ausflüge und suchen ohne die Hilfe der Mutter nach geeigneter Nahrung. Mit etwa sechs Wochen verlassen sie das Nest, um ein eigenes Revier zu finden, denn jeder Igel benötigt etwa 2.000 qm naturnahe Grünfläche, um satt zu werden.

Im Herbst bauen sich Igel ein Nest, das sie mit Laub und trockenem Moos warm auspolstern. Außerdem fressen sie sich ein dickes Fettdepot an, um den Winterschlaf, der bis zu einem halben Jahr andauern kann, ohne Futter zu überstehen.

Rechtlicher Schutz

Gemäß Bundesnaturschutzgesetz und Bundesartenschutzverordnung gehört unser Igel zu den besonders geschützten Tierarten. Es ist unter anderem verboten, Igeln nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder gar zu töten. Auch die Fortpflanzungs- und Ruhestätten von Igeln dürfen nicht beschädigt oder zerstört werden.

Igel in Gefahr

Gefährdet wird unser Igelbestand weder durch natürliche Feinde wie Greifvögel, Fuchs und Dachs noch durch jagdlustige Hunde oder Katzen. Nein – der größte Feind des Igels ist der Mensch. Durch Veränderungen der Landschaft zur intensiven landwirtschaftlichen Nutzung wurden immer mehr natürliche Igel- Lebensräume zerstört. In aufgeräumten Agrarlandschaften finden unsere Stacheltiere weder Unterschlüpfe noch geeignete Nahrungstiere. Sie wurden daher zu Kulturfolgern und leben heute vorrangig in den begrünten Randbereichen von Siedlungen sowie in Gärten und Parks. Aber auch hier werden durch das Ausbringen von Pflanzenschutz- und Insektenvernichtungsmitteln die Futtertiere des Insektenfressers Igel systematisch dezimiert.

Die Schätzungen, wie viele Igel jährlich allein dem Straßenverkehr zum Opfer fallen, reichen von mehreren Hunderttausenden bis zu 1 Million. Angelockt durch Insekten, die an Autos abprallen, sind Igel leider regelmäßig auf Nahrungssuche an Straßen unterwegs. Da sie sich bei nähernden Autos reflexartig zusammenrollen statt davonzulaufen, werden sie weit häufiger überfahren als andere Säugetiere. In der Dämmerung und nachts sollten Autofahrer daher vor allem im Siedlungsbereich, in der Nähe von Laubwäldern, Gärten, Hecken und Büschen besonders aufmerksam und langsam fahren. Weitere Gefahrenquellen für unsere Igel sind:

  • Netze (z.B. an Obststräuchern im Garten)
  • Ungeschützte Schächte und Gräben (v.a. an Baustellen)
  • Feuer (z.B. Osterfeuer, Verbrennen von Gartenabfällen und Schnittgut)
  • Maschinen wie Rasenmäher, Tellersensen und Fadenmäher
  • Abfall in der Landschaft (v.a. Dosen, Becher, Plastiktüten)

Tipps zum Igelschutz im Garten

Gerade in unseren Gärten begegnen wir immer wieder Igeln, die sich auf ein Leben in der Nähe des Menschen eingerichtet haben. Vor allem mit Einbruch der Dämmerung sind die nachtaktiven Stacheltiere entlang von Zaun-, Haus- oder Bordsteinwänden auf der Suche nach Nahrung unterwegs. Um die Gefahren zu minimieren, die auch in unseren Hausgärten auf Igel lauern, bitten wir Sie, folgende Hinweise zu beachten:

  • Mülltüten immer gut verschließen, sonst klettern neugierige Igel hinein und sitzen dann in der Falle.
  • Garagentore und die Türen von Gartenhäusern immer geschlossen halten. Versehentlich eingesperrte Igel können verhungern, wenn die Tore länger geschlossen bleiben.
  • Denken Sie an ausreichend große Durchgänge in der Gartenumzäunung, damit der Igel auch in Nachbars Garten laufen kann.
  • Vorsicht beim Umsetzen von Kompost! Bitte stechen Sie nicht unbedacht mit einem Spaten oder einer Mistgabel hinein – es könnten Igel darin wohnen.
  • Wenn das Abbrennen von Gartenabfällen nicht zu vermeiden ist, bitte vor dem Anzünden den Haufen vorsichtig umschichten.
  • Verwenden Sie kein Gift noch chemische Düngemittel.
  • Decken Sie Kellerschächte und Swimming-Pools ab.
  • Laubsauger sind für Igelkinder lebensgefährlich, da sie leicht eingesaugt werden können.

Grundsätzlich sollten Tierfreunde ihren Garten strukturreich und naturnah gestalten. Ein artenarmer Garten mit englischem Rasen und einigen Koniferen ist für Igel uninteressant. Pflanzen Sie heimische Baum- und Straucharten, legen Sie Obst- und Gemüsebeete an und mähen Sie immer nur einen Teil der Rasenflächen. Ein derart vielfältiger Garten beherbergt schnell zahlreiche Futtertiere des Igels und bietet ihm gute Versteckmöglichkeiten. Im Herbst sollte man außerdem Laub und Schnittgut in einer ruhigen Gartenecke aufschichten, damit sich die stacheligen Gesellen darunter ein Nest für ihren Winterschlaf bauen können. Sie können außerdem aus einem alten Weidenkorb oder Tontopf leicht selbst eine Igelbehausung basteln oder professionelle Igelunterkünfte bei Naturversandhäusern bestellen.

Welche Igel brauchen unsere Hilfe?

Gerade im Herbst fragen uns häufig Menschen, ob es wieder Zeit wäre, die Igel einzusammeln. NEIN – sammeln Sie Pilze und Beeren, aber bitte nicht wahllos Igel! Denn die wenigen Auffangstationen sind restlos überfüllt, und beileibe nicht jedes Stacheltier braucht menschlichen Beistand. Tatsächlich hilfsbedürftig sind:

  • Verletzte und offensichtlich kranke Igel
  • Igelsäuglinge mit geschlossenen Augen, die sich tagsüber außerhalb des Nestes befinden
  • Untergewichtige Igel (Mindestgewicht Anfang November: Jungigel 500 g, Alttiere ca. 1.000 g)
  • Alle Igel, die bei Dauerfrost und geschlossener Schneedecke draußen herumlaufen

Das Naturschutzgesetz erlaubt nur die Aufnahme und Pflege kranker, verletzter und hilfloser Igel. Und auch diese Tiere müssen nach der Genesung unverzüglich wieder in die Freiheit entlassen werden. Nimmt man einen in Not geratenen Igel in seine Obhut, reichen gute Absichten nicht aus. Hier ist Fachwissen gefragt. Grundsätzlich gehören kranke und verletzte Igel zuerst einmal zum fachkundigen Tierarzt. Die anschließende Pflege und Unterbringung kann eventuell vom Finder übernommen werden, wenn dieser sich vorher ausreichend informiert hat.

In der Regel gehen erwachsene Igel Ende Oktober in den Winterschlaf. Nur die im Spätsommer geborenen Jungtiere suchen noch bis Anfang Dezember nach Nahrung und einem geeigneten Winterunterschlupf. Findet man im November, wenn es noch nicht schneit und friert, untergewichtige Jungigel, so kann man diesen relativ einfach helfen, ohne sie gleich mit ins Haus zu nehmen. Damit die kleinen Stacheltiere den bevorstehenden, fast 6 Monate dauernden Winterschlaf ohne Nahrung und Wasser einigermaßen schadlos überstehen, sollte man im Garten einen kleinen Futterplatz einrichten und dort täglich ein Gemisch aus Igeltrockenfutter und Katzendosenfutter anbieten. An dieser Futterstelle kann sich der kleine Igel frei in seiner vertrauten Umgebung die fehlenden Gramme anfressen und dann in seinem Unterschlupf in Winterschlaf gehen.

aktion tier Igelzentrum Niedersachsen

Im Jahr 2013 hat aktion tier das bundesweit einzigartige aktion tier-Igelzentrum Niedersachsen in Laatzen bei Hannover eröffnet. Betrieben wird dieses Igelasyl durch den gemeinnützigen Verein „Igel-Schutz-Initiative e.V.“ (IGSI e.V.). Im Igelzentrum können jährlich etwa 1.000 verletzte oder hilfsbedürftige „Meckies“ aufgenommen und fachkundig versorgt werden. Denn die Mitarbeiter verfügen über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Igelschutz. Sie können die zumeist von tierlieben Menschen gebrachten Igel zielgerichtet begutachten und die erforderliche Hilfe veranlassen. Verletzte Tiere kommen zur Behandlung in eine fachkompetente Tierarztpraxis. Denn nicht jeder Tierarzt kennt sich mit den stacheligen Säugetieren aus. Bei kleineren Wehwehchen sowie bei den für wildlebende Igel typischen „Mitbewohnern“ wie Zecken und Flöhe können die Mitarbeiter des aktion tier-Igelzentrums selbst Abhilfe schaffen.

Neben der Unterbringung und Pflege der Tiere wird die Information und Aufklärung der Bevölkerung im Igelzentrum groß geschrieben. Durch eine ständige Ausstellung, Führungen für Schulklassen und andere Interessierte sowie durch individuelle Beratungen werden Informationen zum Igel verbreitet. Im Besonderen wird hierbei auf die naturnahe Gestaltung der stadtnahen und menschengeprägten Lebensbereiche hingewiesen, die unsere Igel zum Überleben so notwendig brauchen. Denn nur das entsprechende Wissen über diese interessanten Wildtiere und ein daraus resultierendes Verhalten garantieren auf Dauer den Fortbestand unserer heimischen Igel.