Der natürliche Winterschlaf des Igels

Ein Igel geht normalerweise aufgrund einer Kombination aus sinkender Nachttemperatur, Nahrungsverknappung, längerer Dauer der Nächte und genügend Körpergewicht in den Winterschlaf. Foto: Monicore / CC0 1.0 Universell CC0 1.0 Universell

In den Wintermonaten ziehen sich die Beutetiere des Igels tief in die Erde zurück oder überdauern in für den Igel nicht fressbaren Entwicklungsstadien. Deshalb haben die Stacheltiere im Laufe der Evolution etwas ganz Faszinierendes entwickelt: Sie machen einen mehrmonatigen, echten Winterschlaf!

Von Gertraude Göpner, aktion tier Igelzentrum Niedersachsen

Wenn es im Herbst kälter wird und das Nahrungsangebot für Igel knapp wird, ist das das Signal für Igel, mit dem Bau des Winterschlafnestes loszulegen. An einem Winterschlaf-Nest bauen Igel sehr sorgfältig: Es muss wind- und wasserundurchlässig sein und gegen Kälte und Wärme schützen. Ja, auch gegen Wärme, denn sonst würden die Igel im Frühjahr vielleicht eher wieder aufwachen als deren Beutetiere. Für den Bau des Winterschlafnestes tragen die Igel trockene Blätter auf einen Haufen oder in ein schützendes Versteck unter dichtem Strauchwerk (Hecke ist super), oder unter einem Komposthaufen, Gartenhaus oder Holzstoß. Dann drehen sie sich so lange im Kreis, bis die Blätter wie Dachziegel übereinandergeschichtet sind und eine wasser- und schneedichte, wärmeisolierende Kuppel bilden. Das ist sehr stabil und hält bis ins Frühjahr.

Kugelrund schläft es sich besser…

Die Männchen, die seit der Paarungszeit nichts anderes mehr zu tun hatten als zu fressen, haben meist schon Anfang Oktober so viel Speck, dass sie sich mit weit über einem Kilogramm Gewicht zum Winterschlaf verziehen können. Igelmännchen frieren also eher selten. Die Weibchen hingegen können sich erst nach der Säugezeit ums Fressen für den Eigenbedarf kümmern. Je älter die weiblichen Igel sind, desto häufiger sind sie jetzt richtig ausgemergelt. Sie laufen oft noch bis Anfang November herum, um etwas Nahrhaftes zu finden und die Ein-Kilo-Marke zu erreichen.

Futterstellen für Igel sollten Ende November eingestellt werden. Erstens nehmen die Igel dann ohnehin nicht mehr nennenswert zu, weil sie einen Großteil der aufgenommenen Energie zur Aufrechterhaltung der Körperwärme verbrauchen, und zweitens könnte ein Weiterfüttern dazu führen, dass der Igel durch unsere „übernatürliche Hilfe“ aus dem Rhythmus kommt und den Winterschlaf sozusagen verpasst. 

Für die Jungigel ist das Herannahen des Winters am bedrohlichsten: Sie müssen es schaffen, bis zum Beginn des Winterschlafes als unbedingtes Minimum im letzten Oktoberdrittel ein Gewicht von 500 g und Anfang November von 600 g zu erreichen. Eine positive Bilanz zwischen Kalorienaufnahme und –verbrauch zu erreichen, scheitert oft, wenn die Jahreszeit zu weit vorangeschritten und das Igelkind noch zu klein ist. Die Jungigel, die sich mit einem zu geringen Gewicht und häufig in einem noch nicht so recht gekonnt gebauten Nest zur Ruhe begeben, haben nicht die besten Karten. Hier kann ihnen der Mensch zu lebensrettender Hilfe kommen, indem er entweder eine Futterstelle einrichtet oder, wenn es dauerhaft unter 7° kalt ist, den Jungigel in häusliche Pflege aufnimmt.

Anfang Dezember muss jeder Igel in den Winterschlaf

Ein Igel geht normalerweise aufgrund einer Kombination aus sinkender Nachttemperatur, Nahrungsverknappung, längerer Dauer der Nächte und genügend Körpergewicht in den Winterschlaf. Bis Anfang Dezember muss jeder Igel im Winterschlaf verschwinden, weil sonst die Gefahr zu groß wird, dass er vom Schnee überrascht wird und in sein Nest nicht mehr hineinkommt. Nach einer kurzen Übergangszeit, in der die Igel nicht mehr fressen und etwas apathisch halbschlafen, setzt der richtige Winterschlaf ein. Dazu werden die Körperfunktionen auf ein Minimum herabgesetzt, der Igel wird von nun an seinen Fettvorrat aufzehren und so mehrere Monate ohne Futter überleben können. Sein Herz schlägt nur noch zwei- bis zwölfmal und er atmet nur noch dreizehnmal pro Minute. Die Körpertemperatur sinkt auf fünf Grad ab (es sei denn, es ist zwischenzeitlich draußen etwas wärmer).

Ein im Dezember noch angetroffener Igel ist in den meisten Fällen hilfsbedürftig und sollte in menschliche Obhut genommen werden. Ausnahmen sind Jungigel, die mindestens 600 g wiegen und bei sehr milden Temperaturen noch einmal nachsehen, ob noch etwas Fressbares zu finden ist. Rat erhalten Sie beim aktion tier Igelzentrum Niedersachsen oder in der aktion tier Geschäftsstelle Berlin. 

Bei milder Witterung im Frühjahr werden die Igel dann wieder erwachen. Bei länger andauernden Außentemperaturen von 10 bis 15 °C beginnt das Herz wieder schneller zu schlagen, und die Körpertemperatur erreicht allmählich wieder 35 Grad. Allerdings sind die Igel dann noch nicht durchgehend wach; bei sinkenden Temperaturen ziehen sie sich lieber wieder ins Winterschlafnest zurück. Die Fettreserven sind dann ziemlich aufgebraucht, sie haben 20 bis 40 % des Herbst-Körpergewichtes verloren.

Bitte stören Sie die Igel nicht!

Das Aufwachen kostet jedes Mal viel Energie. Es wäre schrecklich, wenn z.B. während eines ersten kurzen Ausflugs durch übereifrige Gartenarbeit vor dem Rückkehrversuch das Nest beseitigt würde. Deswegen bitten wir dringend darum, von Gartenarbeiten wie beispielsweise dem Laubharken abzusehen, bis der Frühling wirklich Einzug gehalten hat. Nur so kann man sicher sein, dass man die Igel nicht vorzeitig aus dem Winterschlaf weckt oder aber ihnen das Winterschlafnest zerstört.