Hope: Geschichte eines tapferen Igelkindes

Am 19. September 2018, abends im 14 Tage zuvor neu eröffneten aktion tier-Igelzentrum in Laatzen: Kurz nach Ende der dreistündigen Öffnungszeit kommt noch ein hilfsbedürftiger Igel: nicht einmal eine Handvoll, 71 g, höchstens 5 Wochen alt! Blutend aus mehreren Schnitten auf dem Rücken und einem auf der Nase, die Oberlippe angeschnitten, die vorderen oberen Milchzähne ausgeschlagen. Wir waren alle erschüttert!

Von Gertraude Göpner, aktion tier Igelzentrum Niedersachsen | September 2019

Es war sofort klar, dass dieses Tier häusliche Intensivpflege rund um die Uhr benötigte, und ich erklärte mich bereit, das in meiner kleinen Igel-Privat-Station zu übernehmen. Es stellte sich schnell heraus, dass das Igelchen, ein kleines Weibchen übrigens, wegen der verletzten Nase nicht riechen und daher auch seinen Futternapf nicht finden und als solchen erkennen konnte. Also begann ich sofort mit der Handfütterung. Man püriert hochwertigstes Katzendosenfutter, versetzt es mit Aufbaupräparaten und einem Tropfen Honig, zieht den Brei auf eine Spritze, nimmt den Igel auf dem Rücken liegend in die Hand, steckt ihm den Stutzen der Spritze in die Schnauze und drückt ein bisschen Brei hinein. Nach einer Viertelstunde hatte die Kleine begriffen, dass sie gefüttert wurde, dass sie schlucken musste und dass man davon satt wird. Somit war schon mal gesichert, dass sie nicht verhungert.

Die Schnitte auf dem Rücken heilten schnell. Das Igelkind war offenbar sehr bald nach dem Unfall gefunden worden, so dass sich nichts entzündet hatte. Wir können bis heute nur mutmaßen, was dem Tier widerfahren ist, aber es kommt eigentlich nichts anderes in Betracht als ein Rasenmäh-Roboter, der es überfahren hat.

Fütterung eines Igelkindes
Das verletzte Igelmädchen muss dringend an Gewicht zulegen. Foto: © Gertraude Göpner

Das Igelkind begann zuzunehmen und sich gut zu entwickeln. Aber der Nasenrücken war nicht nur an der Hautoberfläche verletzt, sondern so tief eingedrungen, dass die Nasenatemwege nach oben offen waren. Das Igelkind atmete hauptsächlich durch dieses obere Loch und konnte noch immer nicht riechen. Es zeichnete sich ab, dass das nicht von selbst verheilen, sondern erst eine Operation dieses Loch vielleicht schließen würde. Um sicher narkosefähig zu sein, sollte ein Jungigel mindestens 300 g wiegen. Also fügten die kleine Igelin und ich uns in unser Schicksal, dass sie ausschließlich durch Spritzen-Handfütterung auf dieses Gewicht zunehmen musste. Währenddessen war das Schicksal der kleinen Igelin durch einen aktion tier Facebook-Bericht einer ständig wachsenden Schar teilnahmsvoller Tierliebhaber bekannt geworden! Sie erhielt nach einem dortigen Aufruf mit der Bitte um Vorschläge nun den Namen HOPE. Nun versorgte ich die „Hope-Facebook-Gemeinde” mit Nachrichten und Fotos über Hopes Fortschritte.

Während der Herbst voranschritt, hatten wir es wie immer mit Überfüllung zu tun. Denn Igel haben es in der heutigen Zeit sehr schwer und benötigen in steigendem Maße unsere Unterstützung. Sie sind, obwohl sie unter Naturschutz stehen, durch vielfältige menschliche Aktivitäten sehr gefährdet. Igel leben nicht mehr nur in der offenen Flurlandschaft wie die 15 Mio. Jahre lang vor der Zeit, in der es Menschen gab. Denn die ursprünglichen Lebensräume werden immer stärker durch den Menschen reduziert. Der Igel ist deshalb zum Kulturfolger geworden, denn dem eigentlichen Lebensraum gleichen heutzutage am meisten die locker bebauten Siedlungsränder mit Gärten, begrünte Hinterhöfe und Park- und Grünanlagen. Igel leben also in unserer unmittelbaren Nähe! Dies birgt nicht nur die Chance, ein Wildtier im eigenen Garten zu beobachten und unseren Kindern dadurch ein Stück Natur nahezubringen – leider gibt es auch Tücken und Gefahren durch unbedachte Gestaltung und menschliches Verhalten.

Hope ging zur Operation

Für Hope war es am 15. Oktober soweit, dass ich sie mit stolzen 324 g zur Operation durch einen Spezialisten in die Tierärztliche Hochschule Hannover bringen konnte. Die Verbindung zur Hochschule hatten wir zuvor hergestellt, und wir sind sehr dankbar, dass man uns dort bereitwillig entgegen kam. Das Loch im Nasenrücken wurde geschlossen, und ein hochauflösendes Röntgengerät zeigte, dass die bleibenden Schneidezähne im Oberkiefer alle normal angelegt waren. Nach zwei Tagen Aufenthalt konnte ich Hope mit einer geschlossenen Naht auf der Nase und ab sofort mit voll funktionsfähigen Geruchssinn wieder nach Hause holen. Sie fing sofort an, ihren Brei selber zu fressen, und wog neun Tage nach der OP bereits 400 g! Doch dann ging die Naht an ihrer vordersten Stelle wieder auf und weißes Sekret wurde abgesondert.

Hope kam ein zweites Mal in die Tierärztliche Hochschule und wurde bis zu ihrer Rückkehr zum Winterschlaf Anfang Januar noch zweimal nachoperiert – leider ohne hundertprozentigen Erfolg, denn ein kleines restliches Loch blieb. Sie wog zu dem Zeitpunkt über 700 g, hatte alle bleibenden Zähne bekommen, konnte einwandfrei riechen, fraß sehr gut und wäre ohne das Loch zu einer wunderbaren, völlig normalen, auswilderungsfähigen Igelin herangewachsen. Wir haben Hope dann erstmal in einer Pappbox Winterschlaf halten lassen, in der Hoffnung, dass sich im Frühjahr dann doch noch alles zum Guten wenden möge. aktion tier und meine Wenigkeit haben jedenfalls weder Kosten noch Mühen gescheut, diesem so vielen Menschen ans Herz gewachsenen Tier zu helfen. Hope hatte längst eine Botschafterfunktion für die Nöte der Igel übernommen.

Der heiße Sommer 2018 führte zu einer Schwemme hilfsbedürftiger Igel im Herbst

Hope nach der zweiten Operation.
Hopes Zähne sind Gott sei Dank unversehrt, wie das Röntgenbild zeigt.
 
 

Bis zum Jahreswechsel hatten wir im Igelzentrum über 400 hilfsbedürftige Igel aufgenommen und etliche hochgepäppelte Jungigel zum Auswildern oder zum Winterschlaf in menschlicher Obhut an die Finder zurückgeben können. Die im Igelzentrum verbliebenen Igel wurden in die bereitstehenden Kalträume zum Winterschlaf umquartiert.

Der extrem trockene Sommer 2018 hatte gleich im Eröffnungsjahr zu einer ganz besonders hohen Zahl hilfsbedürftiger Igel geführt. In der vielerorts verdorrten Bodenvegetation fanden sie zu wenig Beutetiere, und viele Igel waren sicherlich auch schlicht am Verdursten. Die Weibchen gaben ihre letzten Reserven für die Jungenaufzucht, hatten aber oft zu wenig Milch. So wurden 2018 im Spätherbst extrem viele stark untergewichtige Jungigel ins aktion tier Igelzentrum, in die aktion tier Wildtierstation Sachsenhagen und viele andere Igelstationen gebracht. Der Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten und Versorgung überstieg bei weitem unsere Platz- und Arbeitskraftressourcen. Wir suchten und suchen noch immer dringend ehrenamtliche Helfer, die insbesondere am Wochenende mithelfen, die Boxen zu reinigen und die Tiere zu wiegen und zu füttern. Die Masse der untergewichtigen Igel wurde natürlich nicht gefunden und ging untergewichtig in den Winterschlaf. Ab Januar 2019 kamen und kommen immer noch völlig ausgezehrte erwachsene Igel, meistens Weibchen, die höchstens zwei bis drei Jahre alt sind, das Doppelte bis Dreifache wiegen müssten und trotz allen Einsatzes in den Stationen häufig nicht mehr zu retten sind.

Ende April begann im Igelzentrum die Aufwachzeit der Winterschläfer. Auch Hope erwachte am 23.04. mit 494 g. Die Freude war groß, als sich das „dritte Nasenloch” völlig unauffällig ohne entzündliches Sekret zeigte. Hope legte einen großen Appetit an den Tag, nahm gut an Gewicht und Kräften zu, schob ihr Schlafhaus in der Box herum, obwohl 2,5 kg Gewichte zum Beschweren obendrauf lagen.

Mitte Mai zog sie dann in das Freigehege um, das eine weitere ehrenamtliche Mitarbeiterin des Igelzentrums, Astrid Rissmann, eigens für Hope mit Mitteln von aktion tier in ihrem Garten gebaut hatte. Hope interessierte sich sofort für alles Neue, was es nun zu Riechen und zu Erforschen gab. Die Hoffnung, dass das Loch auf der Nase auch die Konfrontation mit den Keimen, die in natürlicher Umgebung nun einmal vorhanden sind, schadlos wegstecken würde, erfüllte sich nicht: Drei Wochen nach dem Bezug des Freigeheges hörte Hope auf zu fressen und sonderte Unmengen klaren Schleim aus den (beiden normalen) Nasenöffnungen und der Schnauze ab.

Dieser durchnässte die ganze Bauchseite der Igelin, so dass sie auch noch kalt wurde. Nach einer erneuten Befragung einer Tierärztin, die ein Antibiotikum verordnete und einer Woche in häuslicher Pflege ging es mit dem Gewicht wieder aufwärts, und Hopes Bauch ist schön trocken, weil die übermäßige Schleimbildung aufgehört hat. Frau Rissmann wird also bald einen neuen Versuch starten, Hope ins Freigehege zu setzen. Wir hoffen alle sehr, dass sich so etwas nicht wiederholt und dass das Leben im Freien von nun an Hopes Abwehrkräfte aktiviert. Eine gänzliche Auswilderung halten wir aber, u. a. nach Rücksprache mit etlichen Igelsachverständigen, nicht für sinnvoll. Zu leicht könnte es zu einer aufsteigenden Atemwegsinfektion kommen, bei der dann niemand mehr Hope helfen würde. Sie darf bei Frau Rissmann im Freigehege bleiben und bekommt ja vielleicht im nächsten Jahr männliche Gesellschaft.

Hopes Schicksal ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass es nicht stimmt, dass ein in Not geratenes Wildtier sich selbst überlassen bleiben sollte, weil „das eben Natur ist“. Die allermeisten Igel, die hilfsbedürftig in Igelstationen gebracht werden, haben ihre missliche Situation den menschlichen Einflüssen zu verdanken, seien es die unwissentlich herbeigeführten Gefahrensituationen in Gärten und Parks, der Autoverkehr, die Beschneidung der Lebensräume, der alarmierende Rückgang der Insekten oder, als „allerletzte Sensation”, der Klimawandel mit sommerlichen Dürreperioden. Im Einzelfall gebietet uns die Ethik, dass wir den von uns gefundenen, in Not geratenen Tieren helfen.